Gegen die ganze Welt kämpfen

Zwei junge Frauen aus Pakistan sind auf der Flucht vor ihren Familien, die sie umbringen wollen. Ihr Verbrechen: Sie lieben sich.

Pakistanisches Lesbenpaar auf der Flucht

Foto: Frank Schultze/Zeitenspiegel ©

Es ist riskant für die zwei jungen Frauen, diese Bar zu besuchen. Sie sollten nicht hier sein im Vergnügungsviertel von Kathmandu. Nicht unter all den lachenden, tanzenden Nepalesen. Nicht hier, wo Partyfotografen unterwegs sind, und ihre Fotos ins Netz stellen.

Aameen Mushtaq und Sahil Hashmi sind auf der Flucht. Vor ihren Eltern und Brüdern, die sie töten würden, wüssten sie, wo sie sich aufhalten. Denn Aameen und Sahil, die eigentlich anders heißen, sind ein Paar. Frauen, die Frauen lieben, leben gefährlich in ihrer Heimat Pakistan. Aber an diesem Freitagabend in der Fluid Bar im nepalesischen Kathmandu ist Pakistan weit weg. Manchmal wollen die Beiden alles hinter sich lassen, die Lügen, die Angst, das Versteckspiel. Wenigstens für ein paar Stunden. Auch wenn sie nicht einmal Geld für einen Drink haben.

Der Sänger der Live-Band schüttelt den Vokuhila, Schwule und Transgender trinken, tanzen, taumeln zu den Bässen und manche Gesichter wirken so verbraucht wie die Luft im Raum. Sahil, 20, stämmig, kurze Haare, Trainigsjacke, albert mit zwei Transfrauen auf der Tanzfläche herum, eine kleine im Presswurstkleid, eine dürre im bauchfreien Top. Beide posen, als sich der Partyfotograf nähert, Hände in die Hüften, Kussmund, die Hemmungen vom Alkohol weggespült. Als Sahil den Mann mit der Kamera bemerkt, dreht sie ihr Gesicht zur Seite und läuft zur Kunstledercouch, wo ihre Freundin Aameen an ihrem Wasser nippt. Aameen, 21, pinke Strähnen, Kajal um die Augen, Puppengesicht, streift flüchtig ihre Hand. Die unverfänglichste Berührung in der Öffentlichkeit.

Transgenderszene Kathmandu Nepal

Foto: Frank Schultze/Zeitenspiegel ©

Am nächsten Tag sitzt das Paar in einem Schutzhaus für Aidskranke auf einer fleckigen Matratze. Eine Hilfsorganisation bietet hier vor allem infizierten Transgendern Zuflucht. Sahil und Aameen haben kein Aids – aber auch keine Wahl.

Aameen erzählt: „Mit dreizehn wurde ich verlobt, fünf Jahre später lernte ich Sahil auf Facebook kennen, nach drei Monaten trafen wir uns.“ Die Worte sprudeln, als hätten sie zu lange in ihr gewartet. Sie ergeben eine Geschichte, die sie noch nie komplett erzählt hat – aus Angst. Die Geschichte einer Flucht von Pakistan über Mauritius bis nach Nepal. Wo sie endet, ist ungewiss. Gewiss ist für die zwei Frauen nur ihre Liebe.

Fast zwei Jahre vorher in Islamabad. Ameen und Sahil sehen sich zum ersten Mal in einem Trainingslager. Beide waren Profisportlerinnen und studierten. Sahil spielte für das Multan Cricket Frauenteam. „Sie war richtig berühmt“, sagt Aameen stolz und drückt die Hand der Freundin. Ihre eigene Sportart soll nicht in der Zeitung stehen. Sie ist die Vorsichtige der Beiden. Sahil die Handelnde.

Im Trainingslager verliebten sie sich. Vorher war ihnen nicht bewusst, dass sie Frauen mögen. Aameens Familie ist streng schiitisch, sieben Brüder, eine Schwester. Selbst wenn Sahil ein Mann wäre, würden Aameens Eltern sie nicht akzeptieren, weil sie Sunnitin ist. Sie hatten bereits einen Cousin ausgewählt, zehn Jahre älter als Aameen. Als sie vom Trainingslager zurückkam in ihre Heimatstadt, eine Großstadt, die sie nicht nennen möchte, war das Haus voll mit Kühlschränken, Sofas, Dekoration. Die ersten Gäste waren angereist. Ihre Hochzeitsgäste.

Doch Aameen hatte sich für Sahil entschieden. Sie nahm ihren Mut zusammen und sagte zur Mutter: „Ich will nicht heiraten“. Die Mutter sagte: „Du musst, es gibt kein Zurück.“ Am nächsten Morgen schlich sich die Tochter davon. Ein Koffer mit Kleidern, Laptop, Papiere, Handy. Es war der 2. Juli 2014.

Sie flog nach Karatschi, mehrere hundert Kilometer von ihrer Heimatstadt entfernt, tauchte mit Sahil unter. Dann sah sie ihr Foto in einer Vermisstenmeldung auf Facebook, in Zeitungen, im Fernsehen. Die Polizei suchte nach ihr, ortete ihr Handy, belauschte Gespräche. Fremde Männer standen plötzlich vor Sahils Tür und drohten, sie umzubringen. Den jungen Frauen war klar: Sie müssen das Land verlassen.

Pakistanisches Lesbenpaar auf der Flucht

Foto: Frank Schultze/Zeitenspiegel ©

„Natürlich töten sie mich, wenn sie mich finden“, sagt Aameen. Sahil nickt, ihre Familie würde das Selbe tun. „Nur durch einen Ehrenmord können sie ihren Ruf retten.“

Im vergangenen Jahr wurden 1062 Pakistanerinnen aus „Ehren“-Gründen umgebracht, meldet die Pakistanische Menschenrechtskommission. Manchmal verbrennen Eltern ihre Töchter bei lebendigem Leib. Nur weil sie sich selbst einen Mann aussuchen. Aameen hat sich eine Frau ausgesucht, in einem Land, das Homosexuelle ins Gefängnis steckt, und in dem 85 Prozent der Bevölkerung Homosexualität als „moralisch nicht akzeptabel“ erachten. „Hätte ich meiner Mutter gestanden, dass ich eine Frau liebe, wäre ich schon tot“, sagt Aameen.

Sahil verkaufte ihr Auto, nahm ihre Ersparnisse und stahl der Mutter Geld. Damit wollten sie ins Ausland gelangen, „egal wohin, nur weg aus Pakistan.“ Beim ersten Versuch nahm ein Fluchthelfer das Geld und verschwand. Beim zweiten Anlauf gelangten sie nach Mauritius und wurden nach einer Woche wieder abgeschoben.

Zurück in Islamabad verließen sie den Flughafen verschleiert, wegen der Überwachungskameras. Sie bekamen zwar kein neues Visum, konnten dafür im Haus einer Hilfsorganisation unterschlüpfen.

Vier Monate später fühlte sich Aameen schlecht, Übelkeit, die Periode blieb aus, auch im nächsten Monat. Eine Ärztin erklärte ihr, dass sie im dritten Monat schwanger sei. „Ich habe doch noch nie mit einem Mann geschlafen“, dachte Aameen.

Pakistanisches Lesbenpaar auf der Flucht

Foto: Frank Schultze/Zeitenspiegel ©

Dann erinnerte sie sich: dieser Abend, als Sahil auf einem Konzert war, sie selbst zu Hause blieb, aus Angst, entdeckt zu werden. Dass sie nach dem Abendessen plötzlich todmüde aufs Zimmer ging, sofort einschlief und erst nach vierzehn Stunden wieder aufwachte. Dass Sahil fragte, warum die Tür offen gewesen sei, als sie nachts heimkam. Plötzlich ergab alles einen Sinn.

Aameen stellte das Personal zur Rede. „Ich flippte total aus, brüllte, drohte mit der Polizei, wenn mir keiner sagen würde, was passiert ist.“ Bis der Leiter der Unterkunft gestand: Schlaftabletten im Reis. Er habe sie ausgezogen, hinterher wieder angezogen. Sie habe ihm gefallen. Doch das mit der Polizei solle sie sich noch mal überlegen, sie werde ja gesucht.

Aameen brach zusammen, trank Flüssigreiniger und Desinfektionsmittel. „Es brannte und brannte, ich dachte, ich hätte Teile meines Babys ausgekotzt.“ Sie schnitt sich die Pulsadern auf, versuchte, sich zu erhängen. Sahil ging jedes Mal dazwischen.

In einem Kindergarten fanden sie Arbeit für eine Mahlzeit am Tag und einen Teppich zum Schlafen. Abends legten sie sich hungrig hin, Aameen hochschwanger, der Rücken schmerzte. Die Ersparnisse waren längst aufgebraucht, als Sahil beschloss, ihre Niere zu verkaufen. Diesmal war es Aameen, die dazwischen ging.

Tränen rinnen über Sahils Gesicht, als Aameen davon erzählt. „Ich wollte, dass wenigstens du mit dem Baby ein neues Leben beginnen kannst“, sagt sie. „Was sollte ich denn ohne dich? Du bist doch alles für mich.“ Jetzt weint auch sie.

Pakistanisches Lesbenpaar auf der Flucht

Foto: Frank Schultze/Zeitenspiegel ©

Am 29. November 2015 gebar sie einen Jungen, Farhan Ali, im Krankenhaus. Mit Baby wurde das Verstecken schwieriger. Eine Schwulenorganisation half dem Paar, nach Nepal zu fliehen. Ali ließen sie bei einer Bekannten zurück. Ohne Vater bekam er keinen Nachnamen, ohne Nachnamen keine Papiere, ohne Papiere keine Ausreiseerlaubnis.

Inzwischen ist es dunkel geworden, Strom gibt es im Schutzhaus nur für drei Stunden am Tag. Aameen zündet zwei Kerzen an. „Manchmal bereuen wir es, dass wir weggelaufen sind.“ Sie seufzt. „Und manchmal, da haben wir das Gefühl, solange wir zusammen sind, können wir gegen die ganze Welt kämpfen.“ Dann, nach einer kurzen Pause: „Aber wir vermissen unser Baby so sehr.“

Mit einer harschen Geste wischt sich Sahil die Tränen weg wie eine lästige Fliege. Im Nebenzimmer hört man ein Poltern. „Manche Transgender bringen ihre Freier hier her. Wir können nicht abschließen“, sagt sie mit gedämpfter Stimme.

Sie steht auf und holt aus dem Koffer einen zerkratzten Cricketschläger. Aameen lacht die Tränen weg. „Den hat sie immer dabei, all die Jahre.“ Seit zwei Monaten leben sie als Flüchtlinge in Nepal. Ihr Visum können sie auf maximal fünf Monate verlängern, aber das kostet und arbeiten dürfen sie nicht. Sie müssen weg, wissen aber nicht, wohin. „Es muss ja nicht Europa oder so ein tolles Land sein“, sagt Aameen, „wir erwarten auch nicht, sofort weiterstudieren zu können. Wir wollen einfach nur zusammenleben, mit unserem Baby – in irgendeinem Land.“ Deshalb kontaktierten sie Hilfsorganisationen und Botschaften. Die meisten antworteten nicht. Der Alltag des Paars besteht aus Warten – und Ablenkungen.

Pakistanisches Lesbenpaar auf der Flucht

Foto: Frank Schultze/Zeitenspiegel ©

Eine ist das Millionaire’s Club & Casino, ein protziger Bau wenige Straßen entfernt mit Emfangsdamen im Kostüm. Sahil und Aameen wirken fehl am Patz, wenn sie dort in Kapuzenpullover, Fleecejacke und staubigen Schuhen unter silbernen Plastikschwalben über den polierten Boden gehen.

Die zierliche Aameen steuert direkt aufs Buffet zu, häuft Nudeln, Reis, Gemüse und Pommes auf den Teller, Obst und Pudding auf einen zweiten, und beginnt hastig zu essen. Für Ausländer ist der Eintritt im Millionaire’s kostenlos – inklusive Essen und Getränke. Sahil schaut Chinesinnen im Etuikleid und ihren untersetzten Männern beim Black-Jack zu. Auf einer Bühne wackeln Tänzerinnen in knappen Glitzersaris mit den Hüften, ungelenk, obszön. Aameen staunt kauend, schluckt und sagt begeistert: „Das habe ich bisher immer nur in Bollywoodfilmen gesehen.“

Ungefragt setzt sich ein Mann zu dem Paar an den Tisch, aufgeknöpftes Kurzarmhemd, Goldkette, Backenbart.

„Hey, ihr kommt doch aus Pakistan, oder?“
„Nein, aus Indien“, lügt Aameen.
„Quatsch, ich sehe das doch.“
„Nein, da irren Sie sich.“ Aameen dreht sich weg.
Sie holt noch einen zweiten Teller vom Buffet, schlingt und geht mit Sahil, satt wie schon lange nicht mehr.

Auch im Friday’s, einem einfachen Restaurant im selben Viertel, sieht man die Beiden öfter, denn dort gibt es kostenloses W-Lan. Sie beugen sich über das Handy und strahlen. Auf dem Bildschirm ist ein Baby zu sehen, olivfarbene Haut, helle Augen. Eine müde Frau mit Hidschab hält es im Arm und spricht auf Urdu, als es aufstößt und weiße Flüssigkeit über sein winziges Kinn läuft.

„Was gibst du ihm zu essen?“, fragt Aameen sofort.
„Brei. Meine Milch reicht nicht für zwei Babys.“ Neben der Frau liegt ein zweiter Säugling, ihr eigener.
„Aha“, macht Aameen enttäuscht. Die Verbindung ist schlecht, sie verabschieden sich.

Aameen ruft ihr E-Mail-Postfach auf. Vor zwei Wochen hat sie eine Mail an eine kanadische LGBTI-Organisation geschickt. Ein langer Textblock, ohne Absätze, an dessen Ende stand: Ich will meinem Baby ein sicheres Leben bieten, ich habe es ihm versprochen. Wollen Sie mir helfen, mein Versprechen zu halten?

Aameen aktualisiert die Seite. Dann lässt sie den Arm sinken. Keine neuen Nachrichten.


Wer helfen mag, kann hier spenden.

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